Wir nächtigten im „Bockwirt“, einem kleinen Hotel am Eingang der Altstadt von Hallein. Die Salzach floss keine 20 Meter vom Hoteleingang entfernt, ihr folgten wir jeden Morgen zu Fuss zur Alten Saline, in der das Festival „Schmiede“ tagte. Alles an Hallein war alt, wurde mit fester Überzeugung auch so gekennzeichnet. „Erbaut 1400“ verkündeten die bemalten Fassaden unter der Dachkante vieler Häuser; „Renoviert 1993“ stand ebenso selbstbewusst daneben. Alles in Hallein war neu, war von einer Moderne durchdrungen, zu der der urtümliche österreichische Dialekt, die mittelalterliche Lage und Grösse des Ortes und das Alter vieler Bewohner nicht so recht zu passen schienen. Hallein war ein uralter Korpus, in den neue Figuren geschnitzt waren, und genauso verhielt es sich mit der Alten Saline. Das Stab-Diagramm, das wie ein Vorgänger von Excel wirkte und in physischer Form in der Kesselhalle hing, zeigte unbarmherzig, wie die Produktion (in Tausend Tonnen) in den Jahren 1950 bis 1980 in die Höhe geschossen war, die Belegschaft sich dagegen verringert hatte. Der Graph endete 1990. Zu dieser Zeit müssen die Modernisierungen ausgeführt worden sein, so dass der gläserne Aufzug im Hauptturm, die Fassadenfarbe und die neugemachten Holztreppen 20 Jahre später bereits wieder eine zum alten Gemäuer korrespondierende Antikheit ausstrahlten. Die Besucher des Festivals brachten die Moderne mit, in Form von Leuchtstoffröhren, unzähligen Laptops, Audiotechnik und Kameras sowie einer Bar und dem Mischpult, die im oberen Stock des alten Salzstocks seltsam deplaziert wirkten. Die neuen Arbeitsutensilien waren im Vergleich zur Hülle der Saline kindlich, wiesen eine unverhältnismässige Grösse und Beschaffenheit auf. Jeder trug seinen Apple herum wie einen Blätterstoss, die Designer und „Wissensarbeiter“ brauchten kaum Muskeln, um ihre Arbeit zu tun. Sie liefen mit ihren Geräten herum durch ein riesiges Refugium, ein Labyrinth aus Speicherhallen und Verdampferanlagen, das zu dem Zweck geschaffen worden war, um das Produkt der damaligen Arbeit zu beherbergen. In den Schalen der einstigen Arbeitswelt residierten also die Produzenten des 21. Jahrhunderts und ihre Beschäftigtheit, ihr Ausstoss erschien mir kindlich und irrelevant angesichts solcher Leistungen von früher. Das alte Gemäuer wurde stimmungsvoll angestrahlt und verkabelt, um Vorträge zeitgemässer Arrangement-Projekte zu inszenieren: Soundcloud, Platoon, HUB Vienna; Projekte, die – wie das Festival „Schmiede“ – sich ganz darauf konzentrierten, den „Wissensarbeitern“ das richtige Umfeld zu bieten, genügend Input, Infrastruktur und den richtigen Umgebungsstil, so dass die Bienen arbeiten können. Was damals mit einem schlichten Box-Office getan war, ist nun der gesamte Prozess: Befreit von ihren nestwarmen Agentur-Hüllen, den schützenden Unternehmenstoren und dem Familienbetrieb suchten sich die schlussendlich eben doch häuslichen Medienleute ihre Bleibe in den urtümlich physischen Relikten der ehemaligen Produktionsbetriebe. Die Fabrikkultur von einst war nicht so schlecht, wie alle immer behaupten; ohne sie hätten die ganzen Netzarbeiter von heute und diejenigen der Zukunft nicht einmal ein Dach über dem Kopf.