Es ist der gefühlt letzte Tag in der Grimm-Bibliothek. Der vierte Stock fängt an, mit auf die Nerven zu gehen. Die Routine des Studiums ist zu einer Routine der Hülle geworden, der Umstände, der Fahrt, der Mittagspause, des Heimgehens bei Nacht. Anstelle der Inhalte ist die Schale wichtig geworden – es liegt am Terminkalender und der ewig rastlosen Suche nach Wahrheit, die uns diesmal ins Herz von Österreich führen wird. Wäre meine ideengeschichtliche Studierphase für immer ausgelegt gewesen, ich hätte sie mir so gestaltet, dass jeder Tag ein erschöpfungsloser Genuss ist. Ich erinnere mich an das Zitat eines Freundes, über die zermürbenden Vorlesungen: “Das Studium ist ein Marathon, kein Sprint.”

An diesem Tag aber spule ich noch einmal soviel Jahrzehnte wie möglich ab. Das Hochmittelalter liegt hinter mir wie eine schwierige Alpenpassage, überhaupt spielt doch die Zeit vor 1500 gefühlt in den dunklen und steilen Tälern eines Bergmassivs. Es ist von Showdowns durchzogen und hat es doch nicht geschafft, mich in irgendeiner Art zu fesseln. Heindrich IV. Gang nach Canossa – geschenkt. Die gesamte Auseinandersetzungsgeschichte der Kirche mit den weltlichen Herrschern – wie ein billiger Streit zweier verkleideter Jung-Magier, die beide ernsthaft daran glauben, aus ihren Zauberstäben würden im nächsten Moment Funken und Bannsprüche fliegen und den Kontrahenten treffen.

So ist der Wechsel zur Neuzeit für mich wie die langersehnte neue Nüchternheit. Die Duellanten werfen ihre albernen Waffen weg, die Kirche hat mit Luther und den reformatistischen Bewegungen genug Ärger am Hals auch ohne weltliche, eigensinnige Herrscher, und die Könige werkeln beständig an ihrer neuen, absolutistischen Idee. Politische Denker grübeln darüber, wie man die Scheidung von Kirche und Politik so schadensarm wie möglich vollführen kann. In Italien entstand durch die Streitigkeiten der Stadtstaaten untereinander und durch die beständige Gefahr von aussen eine rücksichtslose Herrschaftsidee, die ebenso pfiffig wie simpel war. Machiavelli verachtete die Geschichtsschreibung, die sich in immer neuen Thesen und Deutungen geradezu überschlug. Seiner Ansicht nach ist der Mensch nicht lernfähig, er verhält sich immer gleich. Deshalb ist ein Studium dieser Charakteristika ausreichend, um als Herrscher den richtigen Ton zu treffen. Später, in England, wurde die Entzauberung der menschlichen Natur vollendet. Hobbes verlieh dem Menschen zwar die ratio ultima, durch die er in seinem «Naturzustand» allerdings zum Tier wird, weil ihm ohne staatliche Richtlinien und das Eigentum sichernde Gesetze nichts anderes übrigbleibt, als bisswütig wolfsgleich zu leben. Nach seiner Theorie lässt sich der Wolf nur vom Feuer zähmen, von der promethischen Fackel, die die höhere Vernunft auf die Erde bringt, um in einem Vertrag aller Menschen untereinander jene zu binden, die sich sonst sinnlos zerfleischen würden. Hobbes hatte den Mensch der Welt in ihrem vorrevolutionären Halbschlaf gemeint, aber was hiess das schon? Sein Fazit, dass allein ein Vertrag aus dem Mittelalter führen könne, war eine nette Theorie. Im Grunde war es aber einfach der Niederschlag des sich ausweitenden Warenverkehrs und seiner Verbindlichkeiten.