Mostar

Auch wenn in Serbien vornehmlich von Ex-Jugoslawien die Rede ist, konnten wir es weder in Belgrad noch in Sarajevo so recht finden. Die Spuren waren vordergründig ausgelöscht, nur unter der Oberfläche, im Alltagsleben, das den Touristen verborgen bleibt, rumort es weiter, gärt dort. Zu dieser Einsicht verhalf uns ein Mittvierziger aus Duisburg, der seit 15 Jahren in Seattle lebt und jedes Jahr zu Freunden nach Mostar fährt, wo wir ihn in Badehose an der Neretva sitzend antreffen. Der Fluss war eisig und nachmittags, wenn die Wehre flussaufwärts geöffnet werden, gefährlich reissend. Unser Gespräch mit diesem Exilanten, der so friedlich am Wasser sass dann mit einer ungeahnten Zähigkeit den Fluss wieder und wieder kraulend durchquerte, war von einer warmen Herzlichkeit, die uns hier in Mostar öfters begegnete, öfters zumindest als in dem zurückhaltenden Sarajevo wenige Tage zuvor.

Der Duisburger bestätigte unsere These, dass die jenseits des Flusses lebenden Kroaten und die diesseits  wohnhaften Bosniaken den Umgang miteinander mieden, dass dieses romantische Arrangement ein Zeugnis der immernoch andauernden Feindlichkeiten aus dem Krieg war. Der Krieg – wem überhaupt, dann ist er in Mostar sichtbar, wo sich ausserhalb des zauberhaften ottomanischen Viertels Bombenruine and Bombenruine schmiegt. Wie sollte man sich hier Jugoslawien vorstellen können, wie davon überzeugt sein, dass etwas 60 Jahre lang gutging unter einer so rätselhaften Figur wie Tito, um nach seinem Tod 1980 zehn Jahre lang zu schwelen und dann in diffusen, menschenverachtenden Kriegshandlungen zu zerbrechen.

Dieses Foto ist natürlich Pose, denn wir haben Jugoslawien nicht ausfindig machen können. Die einzige Ausnahme stellten die Gespräche dar, die wir mit den Bewohnern von Mostar geführt haben, in denen das Traumland immer mal wieder zum Vorschein kam, es plätscherte durch unsere Konversationen wie der Fluss, und manchmal schwoll die sozialistische Nation zu einem grossen, Neretva-ähnlichen Strom an.