Das Gebäude an der Geschwister-Scholl-Straße ist für mich zur Zeitmaschine geworden, in dem ich still sitzend die Jahrhunderte durchrauschen kann, oder aber die langen Flure entlangschlendere, an den unzähligen Regalen vorbei, in denen diese ungeheure Menge an Wissen gespeichert ist: die Aufzeichnungen frühester Zivilisationen, Interpretationen von Exodus und Religion bis hin zur soziologischen Unmöglichkeit heutiger Zeiten. Die Empfindung (englisch effektheischender: sensation), sich durch die Ideengeschichte politischer Philosophie zu bewegen, ist freilich eine Mischung dieser beiden Modi: Die Beschäftigung mit dieser Vielzahl von Einsichten und Anschauungen löst einen Schwindel in mir aus, ein physisches Gefühl von Fortbewegung abseits des zeitlichen Kontinuums, es ist ein Hindurchgraben, oder Hinabblicken in die Geschichte, die in diesen Momenten eine Tiefe erhält.

Der Schwindel rührt von Zweierlei. Zum einen fällt die römische Republik der Antike, die sich unter Cicero noch aufzuplustern wusste, in einen Teufelskreis plötzlich einsetzender religiöser Unübersichtlichkeit. Vor Christi Geburt bestand zwischen Religion und Politik eine Zweckgemeinschaft. Das Christentum gaukelte den Römern vor, Reich und Kirche seien füreinander bestimmt, eine Traumehe.

Das Christentum ist ein Wurmfortsatz des Judentums, es entstand aus jüdischen Gemeinden heraus und wurde von den orthodoxen Juden dann konsequenterweise auch amputiert. Der Apostel Paulus mit seinen wirren Ideen von der Bekehrung der ganzen Welt und seiner frevelhaften Absage an die ehrvollen Gesetzeswerke des Judentums war erklärtermassen ein Feind der alten Lehre. Die Juden liessen ihn in ihrer unendlichen Gütigkeit gewähren. Paulus war der bessere Manager. Er verliess sich nicht darauf, dass die dezentrale, von Depressionen geprägte jüdische Kultur die Menschen genügend anlocken würde. Er wollte fame. Nach Paulus strebte das Christentum nach dem Höchsten, es wollte der höchste Wolkenkratzer in der Skyline der religiösen Kulte sein. Und diese Baufläche bot nunmal nur Rom; der römische Kaiser in seinem römischen Reich. So entstand der Schwindel der auslaufenden Antike, weil sich eine Religion anmasste, höher bauen zu wollen als alle anderen.

Die Dimension des Vertikalen, die das Mittelalter prägen sollte, hat das Christentum in die Geschichte der Philosophie eingestreut. Der Aufstieg des Christentums war dabei stets an politische Events gebunden. Anfangs war die Ausübung des christlichen Glaubens ungefähr so, wie wenn man heute Gras raucht. Es war vor 313 n. Chr. verboten, aber viele taten es trotzdem, weil es die einzige Art war, die Schrecken und die Verlorenheit in dem Kaiserreich zu vergessen. Das Christentum bot eine begründete Hoffnung auf einen Rausch – dafür nahmen seine Anhänger auch eine blutschänderische Verfolgung auf sich. Das waren Süchtige, die waren hart im nehmen, damals.

Die Christen, die bei all der Benebelung bei klarem Verstand blieben, erwirkten in einer grossen Anstrengung die Anerkennung ihres Glaubens, der 380 n. Chr. sogar als Staatsreligion im ganzen römischen Reich festgeschrieben wurde. Damit hatten sie ihr Empire State Building errichtet, was die Höhe betraf. Für die Politik sollte sich dieser Zusammenschluss allerdings als ein World Trade Center herausstellen. Die Verbindung war auf den ersten Blick die perfekte Ehe – das EINZIG wahre Reich mit der EINZIG wahren Religion. Die Völkerwanderungen und die Kampffertigkeiten der Goten und Germanen sprachen da aber eine andere Sprache. 30 Jahre nach seiner Errichtung kippelte das Hochhaus schon. Aber unsere gute Kirche wäre nicht die Kirche, wenn sie sich nicht zu helfen gewusst hätte. Das Reich fiel 476 n Chr. – aber die Religion blieb. Es beginnt die wirklich schwindelerregende Zeit.

Beunruhigt blättere ich die Seiten der “Geschichte der Philosophie” vor und zurück. Die Zeit nach der römischen Republik ist ein einziges Hin und Her. Zwar rühmten sich die jungen Christen und ihre philosophischen Anhänger, dass durch ihre Heilsgeschichte die Ordnung der Welt endlich einen linearen Verlauf angenommen hätte: Weg mit dem Kreislaufgedanken der Stoiker! Von nun an sollte es nur noch vorwärts gehen: Christi Geburt, Verkündung, Kreuzigung, Auferstehung, Himmelfahrt, und dann, irgendwann, Erlösung durch Untergang des vierten irdischen Reichs und Anbruch von Gottes Herrschaft. Ich kann von dieser Linearität nichts finden in der Geschichte ihrer Zeit. Auch im “Handbuch der Kirchengeschichte” werde ich nicht fündig: Unter Diokletian wird das römische Reich in zwei Verwaltungen aufgeteilt mit doppelter Besetzung – nur, um keine hundert Jahre später vom machthungrigen Konstantin wieder vereinigt zu werden. Unnötig zu erwähnen, dass die Teilung danach wieder stattfand! Ähnlich war es mit dem Christentum. Eine traurige Geschichte von Menschen, die dem Schwindel erlegen sind und sich im Kreis drehten. Betrübt schaue ich auf die vier Etagen und Lernwütigen unter mir.