Sarajevo

Wir trafen Senka in einer Bar gegenüber des Nationaltheaters, wo sie auf Freunde wartete, die in einer Vorstellung steckten. Die ordentlich livrierten Herumsteher am Nebeneingang der renommierten Spielstätte wiesen uns dann auch brüsk zurück. Wir sollten gefälligst draussen warten, bis der Film zuende war. Hier – im Nationaltheater, dem Epizentrum jeglicher Kultur in Sarajevo, war auf den federnden roten Teppichen der Kunstwelt noch der Geschmack des Jetset zu spüren, der früher mal hier durchgerauscht war, als Sarajevo bloss das Jerusalem des Westens gewesen war, und noch nicht der verstümmelte Torso, der Belagerungen und Krieg, Kummer und Diaspora ertragen musste. Entsprechend unschlüssig ist die Garderobe dieser Tage, die Leute wissen einfach nicht, was sie anziehen sollen. Sind sie auf einer Beerdigung? Wird hier, in der Hauptstadt aller Kesselschlachten, der gute Geschmack und die Würde des Menschen zu Grabe getragen? Oder ist es die Taufe der Patchwork-Stadt? Wird in der bosnischen Kapitale gefeiert, dass eine historisch gewachsene Stadt, die nach Jahrhunderten der kulturellen Entfaltung die Scheidung der Eltern erlebt, als verstörtes Scheidungskind eine neue Identität erlangt? Vermutlich verlegt sich das Filmfestival und der Geist seiner Besucher rein auf die Zelebrierung des unsterblichen Wesens der Kunst. Sie ist es, die der sich entwickelnde Stoizismus von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 in seinem Innern entdeckt hat. Das “Leben im Verborgenen” der stoizistischenschen Lehre, das die Seele zum Hauptspielplatz des Lebens macht, hat der Musik und dem Film dort gleichsam eine Bühne eingerichtet. Allein – die heutigen Besucher haben das völlig vergessen. Partyhungrig und süchtig nach Ablenkung und Rausch verkennen sie die morbide Stimmung, die ein Filmfestival mit dieser Geschichte eigentlich hervorrufen sollte. Entsprechend unentschlossen ist ihre Kleidung.

Wir gehen in eine nahe Bar und halten uns an das Sarajevsko, dessen Herbheit eine wohltuende Abwechslung ist zu der Plörre, die uns in Serbien genährt hatte. Langsam-traurig gleiten die Trams auf ihren eisernen, morschen Gleisen um die Altstadt, so als ob sie sich vergewissern wollen, dass noch alles steht.

Auch wenn man im Talkessel sitzt und sich den Hängen um Sarajevo aussetzt, kann die Unvorstellbarkeit des damaligen Krieges nicht zu uns vordringen. Wir sitzen vorstellungsmässig abgeschottet, die menschliche Katastrophe, ihr Ausmass, muss für immer draussen in den Wäldern bleiben, ihr Wesen kann nie verstanden, verinnerlicht werden.