Der Weg in die Geschwister-Scholl-Straße ist bereits zur Routine geworden, und mit ihm meine Fragen über die geistige Gesundheit mancher Autofahrer. Noch am Montag waren wir in einer Robbe auf der Lychener Straße Slalom durch geparkte Autos gefahren und hatten uns ob der chaotischen Zustände, die man ja nur von einem Auto-Cockpit aus so richtig wahrnimmt, an den Kopf gefasst. Fahrradfahren und Mopedfahren bedeuten gleichermassen nervliche Hochbelastung, im ersten Fall durch die extreme Geschwindigkeit und ihre Gefahren, im zweiten Fall durch die extreme Langsamkeit der Fortbewegung, durch die ständigen Ampeln, Staus und unfähigen Autolenker.

Im vierten Stock der HU-Bibliothek werde ich an diesem Tag Zeuge, wie bei Aristoteles die Nervenstränge, die von der Dingwelt der Polis zur platonischen Ideenwelt führen, gekappt werden. Die Metaphysik, die dem Gedanken der durchorganisierten Stadtstaaten stets etwas Gottesstaat-ähnliches gegeben hatte, wurde von dem Stagirit komplett entsorgt. Vielleicht war das seine Reaktion auf die vielfachen Anfeindungen, die er als Fremder in Athen erleben musste. Mit Blick auf die eifrig um mich herum kritzelnden und tippenden Studenten erlebe ich seinen Rückzug zurück nach Makedonien, weg aus Athen, und wie sein Schüler, Alexander der Grosse, von ebenjenen grossen Poleis der griechischen Antike zu seinem Feldzug nach Persien aufbricht. Wie das attische Spätreich erzittert: Einerseits vor solch einer ungekannten Grösse und Erhabenheit, die Alexander mit seiner Eroberung über sie brachte, andererseits vor dem klammen Sinnvakuum, das darauf folgen sollte. Mit der politischen Selbstverwaltung war es nunmehr vorbei. Zweifelnd folge ich den Seiten meines Buches in die Zeit des Hellenismus, in der die griechische Kultur sich zwar verbreitete und überall die niveaulosesten Nachmacher den antiken Sitten nacheiferten; die Bewohner von Attika und den umliegenden Gebieten aufgrund solcher Anhängerschaft allerdings weiterhin ernsthafte Zweifel an der Vernunft ihrer Zeit hegten. Insbesondere natürlich zweifelten sie an ihrer eigenen Vernunft und sahen den Untergang der Demokratie mit Schrecken. Verängstigt und auch ein wenig mürrisch gaben sie sich den apolitischen Strömungen ihrer Zeit hin, den hedonistischen Beweihräucherungen des Fleisches, aber auch den disziplinierenden Statuten des Stoizismus. Ätzende Kritiker wie die kynischen Anhänger von Diogenes verlachten die Anhänger der alten Ordnung, die der metaphysischen, gemeinschaftlichen Vollkommenheit der Vergangenheit nachtrauerten. Verbitterte Epikureer bemühten sich derweil, den Anweisungen ihres Lehrers in seinem “Garten”, in dem sie sich zu versammeln pflegten, Folge zu leisten. Manche hatten wohl Mühe damit, ihre Begierden im Zaum zu halten, und fragten sich bei der jährlichen, feierlichen Begehung von Epikurs Geburtstag, ob dieser Personenkult das Richtige für sie war. “Lebe im Verborgenen”, war eine seiner Losungen. Ganz ähnlich wie in der stoischen Lehre sollten die äusseren Umstände gleichgültig und apathisch betrachtet und ertragen werden. Dem Inneren sollte Beachtung geschenkt werden, es sollte kultiviert und diszipliniert werden, ihre Seelen waren schliesslich das einzige Überbleibsel aus der attischen Blütezeit. Mancher wird angefangen haben, Tagebuch zu schreiben.

Nach dem Mittagessen und den Diskussionen auf der Terrasse tauche ich wieder in diese irrlichternde und pseudo-apokalyptische Erfahrungswelt ein. Und atme auf, als mit dem Aufstieg des römischen Reichs auf der Appeninen-Halbinsel diese anti-politische Haltung in Vergessenheit gerät. Die Römer mögen viele griechische Tugenden übernommen haben, bei dieser machten sie glücklicherweise eine Ausnahme. Die Beharrlichkeit und der formalistische Duktus ihres Klein-Klein, mit dem sie rechtlichen Fragen und den institutionellen Regelungen in ihrer tollen, wenn auch perspektivisch einfach gestrickten Republik begegneten, erinnerte mich an die Fachsimpeleien und die Technik-Versessenheit mancher italienischer Handwerker. Cicero, ein Anhänger der frühen Stoa, hatte es in Rom zwar bis zum höchsten Amt gebracht, dabei aber vergessen, seine inner-republikanischen Feinde im Auge zu behalten. Die setzten ihn im Handumdrehen ab. Er beurlaubte sich selbst und ging nach Thessaloniki, womit er seiner Verbannung zuvorkam. Später, als er in Rom rehabilitiert war, begann er seine edlen Gedanken und Einsichten zur Republik, dem res publika, dem öffentlichen Leben aufzuschreiben. Wahrscheinlich grämte es ihn auch bei der Veröffentlichung seiner Schriften noch, dass er es nicht geschafft hatte, gegen die intrigante, an Privatfehden nicht eben arme römische Politik zu bestehen und seine Landsleute durch Worte zu guten Menschen zu erziehen. Die Griechen, dachte er wohl, waren da noch auf einer anderen Erkenntnisebene gewesen. Immerhin er selbst hatte die hohe Gesinnung beibehalten und auch sein Schreibstil war nicht von schlechten Eltern. Es war kein Zufall, dass seine beiden Hauptwerke, “De re publika” und “De legibus” thematisch und formal in die selbe Richtung gingen wie Platons “Politeia” und “Nomoi”. Sogar die Titel waren sich ähnlich. Zu Beginn seines intellektuellen magnum opus parlieren die Freunde um die Sagengestalt des Scipio Aemilianus (der damals Karthago dem Erdboden gleichgemacht hatte. Zu Ciceros Zeiten lebte er freilich nicht mehr) über eine astronomische Aussergewöhnlichkeit am Tag zuvor – für einen kurzen Moment hatte es den Anschein gehabt, als ob am Himmel zwei Sonnen schienen. Erst gegen Ende des philosophischen Buches kehrt der Blick der Dialogpartner wieder zurück gen oben – als dort nämlich im nächtlichen Sternenhimmel der gute Scipio seinen Vorfahr zu erblicken glaubt.

Auch mein Blick geht nach den vielen Seiten geschichtlicher Überlieferung erstmal nach oben, zur gläsernen Decke und zum Nachthimmel über Mitte. Mein Nacken spricht Bände über die vielen Jahrhunderte, die ich im Geiste durchmessen habe. Trotzdem sehe ich im Sternenhimmel nicht Scipio, auch nicht Cicero, Platon oder den jungen Aristoteles – sondern bloss mich selber, wie ich in der Spiegelung der Deckenfenster auf mich herabblicke, und auf das ungeheure Durcheinander von Büchern, Skripten und Notizen auf meinem Arbeitsplatz.