Tara IV

Das Beste an Kremna war, dass es hier bereits Drina-Zigaretten gab, die charakterstärksten Kippen aus Bosnien. Drina wurde während der Belagerung der Stadt in den Neunzigern durchgängig produziert, kein serbischer Sniper und keine Granate konnte die Fabrik in Sarajevo stoppen. Der bosnische Tabak wurde in Zeitungspapier eingewickelt, mit Teekraut ergänzt, filterlos geraucht; Zigaretten waren die wichtigste Währung während des Krieges und gleichzeitig das Versprechen auf eine Zeit danach.

Ron Haviv fotographierte in Sarajevo bereits bei Ausbruch der Feindseligkeiten. Mit dabei: die Drina.

Auf den modernen Fertigungsmaschinen der Fabrika duhana Sarajevo wurde zwischen 1970 und 1992 sogar die Philip Morris-Cowboy-Edelmarke MARLBORO gerollt und verpackt. All diese Erinnerungen finden sich nun als Geschmacksrichtung in den Zigaretten vom Kaliber 7,82 mm wieder, auch wenn der Tabak so rein und so frisch ist, dass beim Verbrennen nur die sauberste Asche anfällt. Genüsslich zogen wir an unseren Drinas, als wir am vierten und letzten Tag im Tara-Verlies an der Durchgangsstrasse in Kremna sassen und auf den Bus warteten, der uns hier rausbringen sollte. Wir waren zu aufgeregt, um eine schnelle Runde Stadt-Land-Politiker zu spielen. Eine halbe Stunde später sassen wir im Bus nach Pale und hatten die Grenze zwischen Serbien und der Republika Srpska bereits hinter uns gelassen. Endlich waren wir unterwegs nach Sarajevo. Die Stadt versprach, nach meinen Erfahrungen dort im letzten Jahr, Aufregung und Vielfalt zu bieten sowie das seltsame, dumpfe Untergrundgeräusch der durchlebten Schrecken. Die Busfahrt war eine Odyssee durch das Hochland der serbischen Entität, Schafherden lagen entlang der Strasse wie hingeschleudert auf trockenen Weiden, über ihnen ein böse-dunkler Himmel, von dem es fortwährend herabnieselte.

Die Hauptstadt war voller Touristen, die um des Festivals willen gekommen waren und nun von einer Vorführung zur nächsten pilgerten. Wir, mit unserer Hoffnung auf sonnige Tage, stolperten ganz benommen durch diese kalte, von Menschen volle Stadt. Ein netter älterer Architekt bot uns ein kleines Penthouse-Zimmer mit Blick auf den Fluss an, direkt neben dem alten Rathaus.

Serbien will uns nicht gehen lassen: Wir finden den Tunnel nach Sarajevo zugemauert vor.