Um die schleichende Banalisierung der Sprache zu beobachten, folgt hier wieder einmal die beliebte Rubrik “Worte des Tages”. Diesmal mit: Der MINDFUCK.

Neulich durfte ich mal wieder Zeuge von so einer äusserst geistreichen Konversation in der S-Bahn werden, eine Konversation wie die von zwei Menschen, die unabhängig voneinander, nebeneinander sitzend, telefonieren. Es ging natürlich um den Film “Inception”. Im Laufe des Gesprächs fiel unweigerlich das Wort “mindfuck”: “Ich habe den Film auf Deutsch gesehen und es war trotzdem ein ziemlicher mindfuck, ich glaube ich schaue ihn mir nächste Woche nochmal an, damit ich ihn ganz verstehe” – ungefähr so. Mindfuck als Kategoriewort für diese Art von Film hat durch das letzte Werk von Christopher Nolan eine märchenhafte Verbreitung erfahren. Es ist ein Qualitätssiegel geworden und wird inflationär benutzt, um Dinge, die sich der ersten, müden Interpretationsversuche entziehen, zu beschreiben. Der Wurm sitzt nun nicht darin, sondern in der vollständig destruktiven Wahrnehmungsaussage, die dieses Wort umgibt. Auch wenn, wie bei der von mir belauschten Persn, ein mindfuck Film immerhin das Verlangen des vollständig-Verstehens weckt, so ist die primäre Assoziation doch eine negative. Eine Assoziation des Zerstörens, Zer-fickens, der Erniedrigung mit einer klaren Rollenverteilung, einer deutlichen Passivität beim Betrachter. Nicht mehr ist das Medium (der Film) das *Medium*, durch das der Mensch zu höheren Stufen des Bewusstseins gelangt, nein: Der Film ist oben, der Mensch unten, und das bleibt so. Mit der Verwendung des Wortes “Mindfuck” hat der Zuschauer jegliche Mündigkeit abgegeben. Er hat zugegeben, dass der Film zu hoch ist für ihn, und anstelle ihn philosophisch oder zumindest filmwissenschaftlich zu ergründen, lehnt er sich ermattet zurück, erliegt der Einstellung, die ein Gemütlichkeitskonsum in seinen Opfern erzeugt.

“Mindfuck” hat es in den Weiten des Internets (ausser auf dieser Webseite) zu einem Qualitätsprädikat gebracht: Gefickt zu werden, ohne hernach Aufklärung über das Geschehen zu fordern, ist demnach toll. Stellt das nur den nächsten Schritt dar, um allfälligen Rezeptionsproblemen bei Hollywood-Produkten vorzubeugen?