Nachworte, Februar 2008, Zürich

“geändert”

«Das Klima hat sich geändert», denke ich, als ich an dem wie sonst auch gelassenen Erscheinungsbild meiner Generation erste Risse und Unregelmässigkeiten erkennen kann. Diese Texturfehler entwickeln sich sprunghaft. Ehemalige Afterhour-Stammgäste gehen früher nach Hause, weil auch auf sie ein Bologna-Pensum wartet. Die Unmöglichkeit, einer Teilzeit-Arbeit nachzugehen, schlägt sich nieder in langen Pendelwegen zu den ghettoisierten Studenten quartieren am Stadtrand. Gratiszeitungen von mittlerweile zehn Verlagen bedecken allmorgendlich die Sitze der S-Bahnen und Busse. Vom Konsum verwöhnte und auf das Tabloid-Nachrichtenformat genormte Studierende begutachten uns Weltformat-Lesende mit argwöhnischen Seitenblicken. Erstmals werden mehr Unterhaltungen über das Telefon geführt als im direkten Gespräch. Getragen vom gesellschaftlichen Wandel fliesst der Zeitgeist erst in begradigten Kanälen, dann in renaturierten Auenlandschaften und übergibt sich schliesslich in die 10-Schluchten-Megastaudämme der Zukunft. Mit der überschüssigen erneuerbaren Energie werden nachts die Abermillionen von Windrädern in den Offshore-Parks der Nordsee auf Hochtouren gebracht, die auf diese Weise den Golfstrom wiederbeleben sollen.

Der Grundton ist ernster geworden, beklemmender. Es muss überall eingespart und reduziert werden, bei gleichzeitiger Verdoppelung der Arbeitsleistung und einer Effizienzsteigerung um 33,5 Prozent.  Verschiedene Lebensstile sind durch ihren exorbitanten Ressourcenverbrauch nicht mehr tragbar und finden in einem kurzen Aufglühen einen letzten Höhepunkt, bevor sie langsam in Vergessenheit geraten. Der Jetset ist eingeschlafen. Die Rennwagen in Monaco und an der Côte d’Azur werden bereits seit Jahren nicht mehr gewartet und gammeln vor sich hin. Flugzeugfriedhöfe werden auf den ehemaligen Kontinental-Hubs eingerichtet, während aus den Verbundwerkstoffen von Hubschrauberwracks die Konstruktionsträger für die geplanten künstlichen Bio-Reservate gefertigt werden. Unbemerkt haben die Gletscher wieder zu wachsen begonnen.