Tara III

In der zweiten Nacht wurde Minimal gespielt, aber die Stimmung war noch immer eine seltsam träge und kein Bier und keine Zigarette konnte uns diesen wankenden Gestalten des Festivals näherbringen. Wir pflegten unsere verbrannte Haut und standen am dritten Tag früh auf, um den Bus nach Sarajevo zu erwischen. Dieser fuhr “natur”gemäss nicht vor der Zeltöffnung, sondern laut dem Franzosen im 50 km entfernten Ort “Kremna”, und kein Beamter, Wilderer oder Privatmensch wollte uns morgens um acht Uhr dorthin fahren.

Serbische Allheilmittel gegen Sonnenbrände, Grillen-Hörsturz, Tanz-Muskelkater: Bierkompresse und Zigarette.

Wir liefen.Das Trampen funktionierte in dieser einsamen, waldigen Bergwelt nicht gut, zu unserer Uhrzeit kamen uns viele Wochenendurlauber entgegen, aber niemand fuhr hinab ins Tal. Wir liefen ohne Unterlass, erwischten einen Ferienhüttenbesitzer, so dass wir im Fond von dessen Citroen 5 km gutmachten; erwischten eine Familie, in deren Kastenwagen wir endlich aus dem Wald herausgefahren wurden, über grüne Hochebenen, an einzelnen Häusern vorbei. Das Trampen hatte genügend Durststrecken, in denen wir unermüdlich liefen, bald die Hoffnung auf ein Restaurant und Frühstück am Weg aufgaben, bald die Hoffnung auf einen Bauernhof längs der Strecke und eine Traktorfahrt hinunter ins Dorf, bald die Hoffnung aufgaben, den Bus nach Sarajevo überhaupt noch zu erreichen, wir wollten nur noch aus diesem endlosen Wald heraus, wir sehnten uns nach Horizont.

Die Familie setzte uns bei der Einfahrt des Hotel Omorika ab, eine einsame, übriggebliebene Hochburg des Tito-Tourismus. Ein dicker Serbe hielt seinen VW-Bus mit quietschenden Reifen, als er unsere Rucksäcke sah. Auf der Ladefläche, zwischen Kettensäge und wilden Hornissen, kurvten wir die letzten Kilometer in Richtung Kremna, Bus, Sarajevo, Erlösung. Wir kamen rechtzeitig an, aber weder Grillchef noch serbische Touristen noch Tankstellenwart wollten etwas von einem Bus wissen, der hierdurch in die bosnische Hauptstadt fuhr. Die Tankstelle sollte unser Rosenkranz werden, oft sind wir unentschlossen zwischen ihr und der Pansion im Dorfzentrum gependelt. Wir kauften just im kleinen Geschäft im Innern Wasser, als der Bus vorbeipreschte. Dem offensichtlich lügenden Grillchef vertrauten wir uns direkt als Kunden an und genehmigten uns erstmal ein Mittagessen. Lange standen wir dann an der Tankstelle, viele Autos lang, aber Kremna hielt seinen Traktorstrahl auf uns gerichtet, wir sollten nicht von hier wegkommen. Bald zog ein deftiges Gewitter auf und in Gedanken bei den armen Seelen in ihren Zelten auf dem Festival kehrten wir schliesslich ganz bei dem Lügenbold von Grillchef ein, der uns unsere restlichen Dinar für ein Doppelzimmer zur Strasse abknöpfte. In unverständlicher Zeichensprache gab er uns zu verstehen, dass er uns zum nächsten Bankomat zu fahren gewillt sei.

Es dunkelte bereits, als wir am 10 km entfernten Hotel Omorika ankamen, und Nebel stieg aus den Teich-grossen Pfützen, die der Regen hinterlassen hatte. Hier hätte Shining spielen können. Der Hotelkomplex war eine riesige Bettenburg, die in den steinigen Hang getrieben war wie ein Meissel, im verrauchten Bauch des Ungetüms tummelten sich tausend Serben, unser Bankomat stand im Foyer unter den 60er-Jahre-Lampen wie ein Zitat von der elektrischen Seite der Welt. Der Hüter der Mausefalle, unser Pensionsleiter und Grillchef, brachte uns zurück in das Loch, das sich Kremna nannte, und vergass anschliessend nicht uns auch noch einen Mitfahrbeitrag für die Spritkosten abzuknöpfen.

“Wie soll ich meinen Daumen halten, dass er nicht an deinen rührt?” – war unsere Parole für die langen Stunden am Wegesrand.