Tara II

Das Festival wurde von Bekannten meines Reisepartners Marco organisiert, eine Gruppe von Serben uns Slowenen, die in einem kleinen Kraftakt eine beeindruckende Infrastruktur in der Wildnes des Nationalparks auf die Beine gestellt hatten.  Sie hatten Bar, Dusche und Toiletten sowie eine Outdoor-Opiumhöhle aus Brettern zwischen junge Fichten gezimmert, die Bühne war ein Zelt-Halbmond mit brandneuen Riesenboxen, ein DJ-Pult thronte am Fuss des Hügels, auf dem die Zelte standen, über der grasbewachsenen Tanzfläche wie das goldene Kalb am Berg Sinai. Die Zelte waren an der Waldgrenze aufgereiht wie Spinnen an der Zimmerdecke. Man schlief bei einer Steigung von 30 Prozent mit dem Kopf im Grillenkonzert und den Füssen im Drum’n’Bass-Strudel, der die ganze Nacht bis 8 Uhr morgens in die Stille der Natur schepperte und vom Zeltplatz aus besehen völlig unzusammenhängend aus einer kleinen Baumgruppe zu kommen schien.

Als wir in der einbrechenden Dunkelheit ankamen, leuchteten uns Glühwürmchen den Weg, wenig später glimmte der DJ im grün-gelb der Scheinwerfer als Repräsentant der Figur, die einen durch die Nacht lotst. Die Menge war klein und tanzunfreudig, liess sich von den Visuals und der Musik höchstens zum äusserst nervtötenden, ständigen Fotographieren mit Blitz hinreissen. Mit Rakija und MDMA hielten sich die Figuren wach bis mittags, bis sie nur noch völlig sinnentleertes Geschwafel von sich gaben über Erdbeeren, die in der Gegend wuchsen, und mit ihren Telleraugen aussahen wie Eulen, die sich in der Tageszeit geirrt hatten.

Am nächsten Tag, von der Kälte der Nacht und der durchgehenden Musik mit harten Körpern, liessen wir uns von einem Auto zu dem nahen Stausee fahren, schwammen dort zwei Längen und schliefen am steinigen Ufer völlig nackt in der gleissenden Höhensonne ein. Wir holten uns ordentliche Sonnenbrände. Ein freundlicher, junge Serbe mit einer Kofferraumladung voller Kinder brachte uns mit seinem Volvo mit französischen Kennzeichen nach Mitrovac, wo wir in einem traditionellen Restaurant ausgiebig assen.