Tara I

Im Zug nach Uzice war unser Abteil rasch mit einem Bevölkerungsquerschnitt Serbiens besetzt: Zwei bildhübsche Frauen, ein Ex-Knasti mit Zahnlücke, ein englisch-sprechender, netter Mittdreissiger und sein Onkel mit dicker Brille. Der Zug war ultramodern, kein Vergleich zu der Galosche, die mich damals nach Nis gekarrt hatte. Es ging durch die schöne Landschaft und hinein in den bergigen Süden. Die Damen warfen uns aufreizende Blicke zu, eine von ihnen schrieb uns mit wunderbarer Schwungschrift eine Widmung ins Notizbuch. Kurz vor Uzice wurden wir wieder einmal Zeugen der andersgearteten Entfernungswahrnehmung auf dem Balkan: Wo jeder Deutsche bei der Frage, wann wir ankommen, einfach nur auf die Uhr zu schauen braucht, sind in Serbien ausgeklügeltere Techniken anzuwenden, denn nach den Fahrplänen kann man sich nicht richten. Der Ex-Knasti regte eine Analyse des Waggon-Ganges an, um anhand der Anzahl der dort stehenden Koffer die restliche Reisedauer abzuschätzen (zur Endstation Bar in Montenegro fahren nur ganz wenige). Der Mittdreissiger studierte die Botanik, die am Abteilfenster vorbeirauschte, und kam zum Ergebnis “20 Minuta”. Sein Onkel führte eine olfaktorische Zeitmessung durch und stellte anhand der Kabinenluft die verbleibende Strecke mit “50 Minuta” fest. Als kurz darauf aber das Ortsschild von Uzice am Zug vorbeizog, stellten sich ihre Prognosen allesamt als falsch heraus, unsere serbischen Reisefreunde taten dies mit einem Schulterzucken ab, wie wenn man eben mal nicht “6” würfelt. Wir waren da.

In Uzice sassen wir im Schatten am Fluss und begegneten alsbald zotteligen Gestalten, die unverkennbar auch zum Festival im Nationalpark Tara wollten. In einem Erdgas-Kombi ging es zu fünft und mit viel Wegbier und Verfahrungen auf fast 2000 Meter Höhe. Das Organische in dieser Gegend war bedrückend und überwältigend, Wälder Wälder Wälder und kein Ende in Sicht, hinter der nächsten Hügelkette liegt Bosnien.

Übung zur Ortsbestimmung: Der Gang ist leer, der Zug steht still, die Waggonluft ist okay: Wir stehen noch in Belgrad.