Belgrad II

Belgrad hatte sich nicht veraendert. Noch immer war die Stadt gebeugt voller Wehmut ueber die kleinen Wunden des letzten Krieges, noch immer haemmerten Handwerker auf den Geruesten hoch oben unter der Kuppel der Sveta Sava-Kirche, wie damals flogen die Tauben durch die klaffenden Fensteroeffnungen dort oben und wie damals auch hatten die Kellner in der Trattoria dieselbe unaufdringliche, nach Geld lechzende Freundlichkeit. Also gingen wir in die Cafes und Kneipen, in die Restaurants, zu Titos Grabmahl, ueber das wir uns keine rechte Meinung bilden konnten, und in die Sveta Sava, wo wir jeder zwei Kerzen anzuendeten fuer uns und fuer die Liebsten daheim. Lange standen wir in der kleinen Ecke der rohen Riesenkirche, die fuer Ikonen zurechtgemacht worden war, waehrend ein gregorianischer Chor durch das gigantische Gewoelbe hallte. Spaeter liessen wir uns von einem Taxi zur Ada fahren, der Vergnuegungsinsel von Belgrad, wo gestaehlte Maenner- und knapp bekleidete Frauenkoerper hinauf und hinabflanierten. Die Hitze wog schwer, wir lagen im kuehlen Wasser der Sava, sorgenlos. In einem Waldrestaurant, das zunaechst leer schien, servierte uns ein cooler Koch das Essen unseres Lebens. Eine Vorspeise aus marinierten Datteln auf Ziegenkaese im Blaetterteig, dazu Salat mit Walnuessen aus dem Garten, danach gebratener Lachs mariniert mit Haselnuessen und Chicken sweet-sour auf serbische Art, wie es besser kein Chinese hinkriegen koennte. Nachdem der Koch und Inhaber uns eine halbe Stunde verdauen liess, brachte er den Nachtisch. Auf dem Weg zurueck ins Hostel begegnete uns Saschka, die uns in die Centrala mitnahm, wo wir ueber einigen Bieren ihren entrueckt-romantischen Geschichten lauschten, etwa, wie sie sich in ihrer frisch bezogenen Wohnung nur mit einer Matraze und dem Buch “100 Years of Loneliness” ausgestattet auf die Literaturpruefungen vorbereitete, waehrend in ihrer Spuele ein Melonenspross aus dem Abguss wuchs.

Auch erhöhter Laskà-Genuss konnte nicht nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass wir uns in der schönsten Bar ganz Belgrads befanden.