In dieser Rubrik soll fortan eine Analyse der aktuellen Sprache angeboten werden. Heute: Die MATRIX.

In unsicheren Zeiten wie den unsrigen verstehen sich die traditionellen Berichterstatter, will heißen Print-Journalisten, mehr denn je als Anker der Gesellschaft in einem welligen Meer von Trends und Entwicklungen. Mit ihren Artikeln und Kommentaren wollen sie dem Leser ein konsistentes Bild ihrer Umgebung liefern, etwas, an dem sich der Mensch festhalten kann. Besonders gilt dies natürlich für Feuilleton-Journalisten, die den orientierungslosen Kunstinteressierten im Dickicht der überall aufpoppenden Artblogs ganz besonders eng an der Leine führen müssen. Zu diesem Zweck verwenden Feuilleton-Journalisten gerne das Wort «MATRIX». Spätestens seit dem gleichnamigen Film kann sich jeder ein Bild von der Matrix machen, auch wenn er der Mathematik (wo das Wort herstammt) nicht mächtig ist. “Matrix” wird als Gefüge, Gerüst oder Konstrukt verstanden. Im Artikel über die neueröffnete Popart-Ausstellung in einem Kölner Museum bläst Swantje Karich also Matrix-mässig gleich ganz stark ins Horn. Im FAZ-Feuilleton vom 3. Juli 2010 schreibt sie: “Die Künstler rissen die Medien-Matrix auf und bedienten sich im Arsenal des Diesseitigen, der Low Culture, des Pop.” Wie liesse sich die Befindlichkeit eines Menschen, der im heutigen Kunsturwald verlorenen gegangen ist, besser beschreiben? Die Autorin diagnostiziert unter Zuhilfenahme des neuen Modeworts die Hilflosigkeit, die durch den verlustig gegangenen Halt in der Matrix entstanden ist. Es kommt aber noch besser: Nach einer ausgiebigen Analyse des Katalogs, der Früh- und Spätwerke der Künstler sowie der Medienkommunikation der Popart im Allgemeinen konstatiert Karich: “Heute sind wir längst Teil der Lichtenstein-Matrix geworden.” Mehr Halt gibt kein Museumstreppengeländer.