Es ist, als wäre mir die Hitzewelle extra ein wenig entgegengekommen, um mich an das Tropische der Vojvodina zu erinnern, durch die ich bald wieder rollen werde. Berlin legt sich erschöpft nieder. Die Stadt ist erstarrt unter den Temperaturen. Das Gras vor dem Planetarium ist eine gelbe Dürre, in der vereinzelt noch weisse Frauen im Bikini liegen. Die schattigen Ufer des Plötzensees hingegen sind von den Erlösung-suchenden Horden aus Wedding und der Umgebung gesäumt, das Wasser ist ein Plantschbecken, ein Meer von Fleisch und ihren Gelüsten.

Ich trete die Maschine beherzt in den dritten Gang und rausche an den Qualmwolken vorbei, die sich über dem brennenden Stroh des Tram-Mittelstreifens gebildet haben. Der Schuhberg auf dem Pariser Platz steht, Mahnwachen und Gedenkveranstaltung für den Völkermord in Bosnien vor 15 Jahren haben stattgefunden. Die abendliche Tagesschau zeigt neben den üblichen Bildern aus Potocari auch die Aktivisten des Zentrums für Politische Schönheit, die berliner Bosnier und den Chef der Gesellschaft für bedrohte Völker, Tilman Zülch, der es sich nicht nehmen lassen wollte, bei praller Sonne und rund 38 °C eine halbstündige Rede auf die Trauergemeinde niederprasseln zu lassen.

Ich schlafe in der Ringbahn ein und wache bei irgendeiner Station auf, benommen. Die Tage verschwimmen zu delirischen Mustern, in denen sich jähe Wirbel von Bedürfnissen und deren Befriedigung bilden. Mit der trägemachenden Glut kollidieren die letzten Wünsche, die in Berlin noch geblieben sind. Aufräumen. Mietvertrag abschliessen. Rucksack packen. Weniger und weniger schaffen sie es, mich genügend zu fesseln. Jeden Nachmittag werfe ich wehmütig einen Blick auf das Zugticket nach Budapest, das ich Samstagabend auf dem Bahnhof in der Hand halten werde.